Latein

Latein ist tot - es lebe Latein!

So titelte der mittlerweile emeritierte Müncher Professor Wilfried Stroh seine 2007 erstmals erschienene Liebeserklärung an die lateinische Sprache.

Ja, er hat Recht! Tatsächlich scheint Latein auf den ersten Blick eine tote Sprache zu sein. Abgesehen vom Papst und einigen gleichgesinnten Kardinälen spricht das doch niemand mehr, so die gängige Meinung. Zudem haben viele der Älteren, die in den letzten Jahren - besser Jahrzehnten - Latein gelernt haben, nicht immer die besten Erfahrungen mit dieser Sprache gemacht. Früh geprägt (oder vielleicht auch schon abgeschreckt) vom Fundamentum Latinum mussten sie sich mit Autoren auseinandersetzen, die sich primär mit Kriegen und Schlachten, manchmal aber auch mit Schlachten und Kriegen zu beschäftigen schienen.

Also Finger weg von Latein - das bringt doch nichts! Wäre dies nicht die einzige logische Konsequenz? Warum sollte man dieses Latein - und mit Wilfried Stroh zu sprechen - am Leben erhalten?

Weil es sich lohnt! Es lohnt sich auch unabhängig vom Latinum, das immer noch Voraussetzung für die Zulassung zu verschiedenen Studienfächern ist. Weil Latein vielleicht gar nicht so tot ist, wie es auf den ersten Blick scheint!

In den letzten Jahren wurde der Lateinunterricht grundlegend modernisiert, entsprechende Schulbücher auf den Markt gebracht. Inhaltlich entdeckte man das für uns manchmal befremdliche, oft aber auch einfach belustigende Alltagsleben der alten Römer. Man liest romantische, manchmal auch sehr frustrierte Liebesgedichte Catulls, Ovids mehr oder weniger ernstgemeinte Ratschläge in Sachen Liebe, seine Beschreibungen ausgelassen gefeierter Feste, Martials spöttische Epigramme und Juvenals satirische Kommentare zu seinen Zeitgenossen. Und immer wieder stellt man fest, wie sehr diese Leute in ihrem Denken, ihren kleinen und größeren Alltagsproblemen uns doch ähnelten! Immer noch faszinieren uns die teilweise sogar live im Fernsehen übertragenen Römerspiele, zeigen das auch heute noch große Interesse an der Antike.

Latein ist eine wichtige Quelle der europäischen Geistesgeschichte, es bietet spannende Geschichten und Geschichte, es beschäftigt sich mit politischen und philosophischen Fragen, thematisiert die Chancen und Gefahren der Redekunst. Ist nicht gerade das im Zeitalter des Postfaktischen wichtig?

Andere Vorteile des Lateinischen erschließen sich eher indirekt. Man erhält ein Bewusstsein für sprachliche Strukturen, was sich sowohl im Deutschen als auch in modernen Fremdsprachen positiv bemerkbar macht. Wer sich mit Latein beschäftigt, lernt Genauigkeit. Sicherlich auch eine Eigenschaft, die in unserer immer schnelllebigeren Zeit nützlich ist. 

Nachdem die Finnen 2006 die Präsidentschaft der Europäischen Union übernommen hatten, ließen sie wöchentlich lateinische Newsletters erscheinen. Im finnischen Rundfunk erscheinen regelmäßig lateinische Nachrichten, die sogenannten Nuntii Latini. Radio Bremen hat sich diesem Brauch angeschlossen. Monatlich erscheinen hier die wichtigsten Nachrichten der Weltpolitik in lateinischer Sprache.

Es scheint so, dass die vielen Vorteile des Lateinischen auch modernen Schülerinnen und Schülern bewusst sind. Anders ließe es sich kaum erklären, dass es in den letzten Jahren am Europa-Gymnasium nahezu immer Latein-Leistungskurse gab, in manchen Klassen beinahe die Hälfte Latein als LK wählte. Ebenso gab es immer wieder Erfolge in den Sprachwettbewerben der Mittel- und Oberstufe - und das trotz der scheinbar übermächtigen Konkurrenz der altsprachlichen Gymnasien.

Günther Jauch hat gesagt, dass eine gute altsprachliche Bildung die beste Voraussetzung sei, um in seiner Sendung Millionär zu werden. Eine bessere Werbung hätte er für Latein wohl kaum machen können!

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