Bildmontagen zu Albrecht Dürers Selbstportrait von 1500
(MSS 11 - 2006/07)

 

Erklärung zu den entstandenen Montagen

Bei der Auseinandersetzung mit Dürers Selbstportrait haben die Schüler des GK 11 ihre Gesichter mit Dürers Bildnis verglichen, das seinerseits starke Ähnlichkeit mit mittelalterlichen Christusdarstellungen hat.

Analyse:

Byzantinische Christusdarstellungen, die Christus als Pantokrator (Weltenherrscher) zeigen, folgen einem bestimmten Proportionsschema, das den Pupillenabstand als Grundeinheit nimmt.

1. Mit dem Pupillenabstand als Radius wird ein Kreis um die Nasenwurzel geschlagen. Dieser Kreis legt die Stirnhöhe und die Nasenlänge fest.

2. Anschließend wird ein weiterer Kreis mit doppeltem Pupillenabstand um die Nasenwurzel geschlagen. Dieser Kreis legt die Kopfhöhe und die Kinnlänge fest.

3. Ein dritter Kreis mit dem dreifachen Pupillenabstand als Radius bestimmt die Größe des Heiligenscheines.

Aus diesem Proportionsschema ergibt sich eine Kopfeinteilung in vier gleichgroße Teile (vgl.: Winzinger, S. 48).

Fragestellung:

Es stellt sich die Frage, ob jedes Gesicht in dieses Proportionsschema passt.

Handelt es sich hierbei überhaupt um ein menschliches Proportionsschema?

Experiment:

Aus diesem Grund haben die Schüler des Grundkurs 11 ihre Gesichter mithilfe des PCs auf Dürers Selbstbildnis montiert und dabei festgestellt, dass kein einziger Schüler die Proportionen Dürers oder die des Pantokrators besitzt.

Jeder Schüler muss sein Gesicht verzerren, will er es mit dem Bildnis Dürers zur Deckung bringen. Viele müssen das Kinn verlängern, die Nase strecken und den Mund nach unten schieben. Auch die Kopfhöhe muss von vielen manipuliert werden. Die hellen Stellen in den Gesichtern dokumentieren die Eingriffe, die die Schüler vorgenommen haben:

Schlussfolgerung:

Somit scheint bewiesen zu sein, dass Dürer vermutlich nicht genau so ausgesehen hat, wie er sich um 1500 darstellt. Es ist unwahrscheinlich, dass gerade Dürer die Gesichtsproportionen des Pantokrators besessen haben soll, denen sonst kein weiteres menschliches Gesicht entspricht.

Deutung des Selbstportraits Dürers:

Dürer malt dieses Bildnis vermutlich nicht, um seine individuellen Gesichtsmerkmale genauestens festzuhalten. Er veränderte es nach dem Ideal des Pantokrators, um seinen Mitmenschen zu vermitteln, welches Selbstverständnis er von seiner eigenen Person hat. Auf seinen Italienreisen kommt er mit den Gedanken der italienischen Renaissance in Berührung und kann beobachten, welchen gesellschaftlichen Stellenwert die Künstler in Italien um 1500 haben. In Deutschland sind Maler zu jener Zeit einfache Handwerker, in Italien dagegen sind sie angesehene Herren. Unter dem Einfluss der Nürnberger Humanistenkreise sieht sich Dürer in seiner Auffassung bestärkt, dass ein schöpferischer Mensch, der Schönheit hervorbringt, gottgleich ist. Seiner Meinung nach ist Gott die Quelle des Schönen (vgl.: Anzelewsky, S.114).

Somit kann man die Aussage dieses Dürerportraits mit folgendem Satz umschreiben:

Ich bin wie Gott, indem ich Schönheit hervorbringe.

Dürer beschäftigt sich ab 1500 in seinen Vier Büchern zur menschlichen Proportion mit der Gestalt des Menschen. Er untersucht und vermisst darin den menschlichen Körper, um aus diesen Ergebnissen die Idealgestalt des Menschen abzuleiten und um Schönheit zu beschreiben.

Am Ende seiner Forschungen muss er jedoch zugeben, dass er nicht sagen kann, was Schönheit ist.

Neben dem Selbstbewusstsein, das er in seinem Selbstbildnis dokumentiert, kennzeichnet ihn gerade diese Forschungstätigkeit als neuzeitlichen Menschen.

Literatur:

Winzinger, Franz: Albrecht Dürer mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Hamburg, 1996.
Anzelewsky, Fedja aus: Albrecht Düer, Das Gesamtwerk, Hrsg.: Mark Lehmstedt, Digitale Bibliothek Band 28, Berlin, 2000.
Krämer, Torsten: Porträtmalerei, L.-Echterdingen, 2000.
Klant, Michael, u.a. Hrsg.:Grundkurs Kunst 1, Hannover 1990.